September 25, 2007

Schadensbegrenzung...


... ist ein Wort, dass man bei Etsy bislang scheinbar nicht kannte.

Nachdem die Situation in den Foren ein klein wenig eskalierte, nachdem einige ihren Mund ein wenig zu weit aufgemacht hatten, einige sehr tief unter die Gürtellinie gezielt und andere einfach nur blödes Geschwätz von sich gegeben hatten, griff das Management durch, sprach kurzerhand und ohne Warnung (und damit entgegen der hauseigenen Regeln; oh Moment, die wurden ja vor kurzem ohne Ankündigungen und Timestamp geändert!) die Verbannung über fünf User aus und zog ihnen damit einen Maulkorb auf.

Nun sind Communities und Foren ja so; ein Haufen unterschiedlicher Leute, die ohne Kindergärtnerin über kurz oder lang einfach aneinandergeraten müssen. Bedenkt man ausserdem, dass nicht jeder mit der Gabe der Rationalität gesegnet ist oder einfach nur fair streiten kann (oder den Unterschied zwischen argumentieren und debattieren kennt), dann wird schnell klar, dass es irgendwann böse eskalieren musste.
Dass ein angepisster Mob sich auf einen einzelnen User stürzt, dem User ausserhalb von Etsys Foren (flickr, blogs und das eine oder andere Laesterforum) übelst nachredet und mal so richtig die Sau rauslässt, ist schon so geschmacklos, dass man es am liebsten einigen anderen Lautschreiern dort gleichtun möchte: "Ihr kommt alle auf meine Liste 'Shops, bei denen ich nie kaufen werde!'".
Sind öffentlich zur Schau gestellte Drohgebärden nicht manchmal einfach nur lächerlich? Leider nicht, denn sie sind bereits Mobbing (oder auch bullying).

Das Management hat aber nun wie erwähnt durchgegriffen, Verbannungen ausgesprochen... und warscheinlich nicht damit gerechnet, dass dies noch viel höhere Wellen der Sympathie schlagen würde. Nicht mit Etsy, nicht mit der gemobbten Person, nein, sondern mit den Verbannten, die einschlägig bekannt sind für eine gewisse Art der Verbalisierung, die von vielen leider als "offen und ehrlich" missverstanden wird. Aber so ist der Mob.

Und das Management übt sich nun in Schadensbegrenzung; mit einem ellenlangen Artikel im neuen Storque (die hauseigene Net-Zeitung mit dem Tippfehler), und dem Angebot diesen im Forum zu diskutieren.

Angesichts all dieser Probleme, die in letzter Zeit eher zu- als abgenommen haben, frage ich mich, ob Etsys Vorstellung von "Community" nicht doch von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Oder vielleicht so: die von Etsy gebaute und den Usern angebotene Infrastruktur trägt nicht positiv, und damit erfolgreich, zum Aufbau einer "Community" nach der Vorstellung der Etsymacher bei. Es gibt zu viele Möglichkeiten, Regeln zu brechen, zu viele Schlupflöcher, die natürlich wahrgenommen werden, zu vage Formulierungen der Regeln und Vorschriften, die geradezu zur fantasievollen Auslegung einladen. Aus der Norm treten darf man aber auch auf Etsy nur, solange es das Handgemachte betrifft (und dann spielt man ja ausserdem gegen die Regeln der anderen) und den Protest gegen den massenproduzierten Konsum.


Es ist vielleicht keine gute Idee gewesen, Usern die Gelegenheit zu geben ihr Ego anderswo auf Etsy als im eigenen Shop auszuleben. Damit meine ich die Einrichtung der "etc."-Kategorie im Forum. Wenn das Forum dazu dient, Hilfe und Unterstützung zu geben, und wenn es Chaträume und ein Nachrichtensystem r die privaten Konversationen gibt, dann ist "etc." überflüssig. Und in der Tat, genau diese Kategorie scheint nun alle die zu versammeln, denen daheim (oder noch besser: am Arbeitsplatz) nicht nur langweilig ist, sondern auch die, die aus irgendeinem Grund auch noch das ein oder andere (eingebildete) Hochsensibilitätssyndrom ausleben müssen.
Besser wäre es gewesen, Usern so früh wie möglich mehr als nur ein "Profil" zur Selbsdarstellung zu geben; in Form eines einfachen Blogmoduls zum Beispiel, oder einer einfachen Seite, die sie nach ihren Vorstellungen gestalten hätten können (das Shoptemplate enthält schon seit ewigen Zeiten auskommentierte Tags, die auf Blogs und weitere Funktionen hinweisen). Diese Seiten wrden so in unmittelbarer Nachbarschaft zum eigenen Shop stehen, und wer da immer noch laästert und mobbt, baut ganz direkt einen Misthaufen vor seiner eigenen Ladentür.

Offenbar aber wurde vieles, das angedacht und angeplant wurde, wieder verworfen, weil es an der Umsetzung gehapert hatte. Weil man vielleicht nicht auf Komplettsysteme zurückgreifen wollte, oder auf Vorfabriziertes (wovon das Wordpress-Blogtemplate, auf dem das Etsydesign immer noch basiert, natürlich ausgenommen ist). Aber ist so viel Programmierereitelkeit bei einem Projekt diesen Ausmasses wirklich noch professionell zu nennen?

Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass sich niemand der Durchschnittsuser (das sind die, die Etsy die Einnahmen bescheren) je an Etsy erinnern wird als "Die Seite fuer Handgemachtes, die von Grund auf selbst geschrieben und programmiert wurde!", sondern als "Die Seite, wo man Handgemachtes kaufen und verkaufen kann!". Es wird nie in die Geschichte des ecommerce eingehen, dass Etsy seine Mission "we live the handmade livestyle" bis zur letzten Codezeile durchgezogen hat. Muss es das denn auch? Nein. Weil keiner, auf den es in Hinblick auf den Erfolg und die Nachhaltigkeit des Unternehmens ankommt, sensibel genug ist, dies zu verstehen und zu würdigen.

Das gibt es nur in Utopia.



September 21, 2007

Kennen Sie Maslow?



Nein? Sollten Sie aber.


Die FAS vom 16. September brachte einen sehr schönen Artikel von Patrick Bernau über Konsumverhalten und über Menschen, die das Konsumverhalten von Gesellschaften überall auf der Welt beobachtet und Schlüsse daraus gezogen haben: "Was die Welt bald kauft" beschreibt, dass das Konsumverhalten auf der Welt gar nicht so unterschiedlich voneinander ist. Nur: die Wünsche und Sehnsüchte in Bezug auf das Konsumieren sind stark gekoppelt an die jeweiligen wirtschaftlichen Entwicklungsstände in einem Land, und daher fällt es vielen vielleicht nicht auf. Patrick Bernau beschreibt das an dem vierstufigen Konsummodell von Ronald Haddock und Alonso Martinez, das zeigt, welche Grundbedürnisse Menschen in der jeweiligen Stufe zu stillen verlangen.

Und doch sind Haddock und Martinez nicht die ersten gewesen, die, jedenfalls in Bezug auf die psychologischen Hintergründe, diese Übereinstimmungen im menschlichen Konsumverhalten überall auf der Welt in ein Schema gefasst haben - Abraham Maslow hatte bereits 1943 seine "hierarchy of needs" publiziert. Das maslowsche Modell unterteilt sich in fünf statt vier Ebenen, aber im Grunde stimmen beide Modelle darin überein, dass mit der Steigerung der Lebensqualiät auch der Qualitätsanspruch im Wünschen steigt: von der Absicherung des eigenen körperlichen Wohls, über die Verbequemlichung (mir will gerade kein anderes Wort in den Kopf kommen!) des täglichen Lebens bis hin zur Selbstverwirklichung und damit zum Wunsch, sich selber durch indivudalisierten Konsum von anderen abzuheben und dafür soziale Anerkennung zu ernten.



Phase 1: Wohnen, Essen, Trinken



Phase 2: Qualität



Phase 3: Verbequemlichung



Phase 4: Individualisierung


Und irgendwie kommt doch dieser Artikel zeitlich so passend: nachdem wir nun seit immerhin fast sieben Jahren sehen, und am umfassendsten über das Internet, wie die handmade-Bewegung an Popularität gewinnt, wie sich seit 2005 Marktplätze wie Etsy und DaWanda an die Öffentlichkeit wagen, und wie sich nach und nach immer mehr Menschen trauen, ihre selbstgemachten, nicht-massenproduzierten Produkte per Internet oder per sogenanntem Brick-and-Mortar-Shop an die Menschen zu bringen, ist es nun an der Zeit, dass wir auch beginnen, diese Entwicklungen in (er-)klärende Worte zu fassen.

Der ganze Artikel ist online und hier zu lesen. Empfehlenswert!

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