January 28, 2008

it's a long way to web2.0 ...


Exciting Commerce hatte im letzten Jahr, genauer gesagt hier, über den Launch von Polyvore berichtet. Polyvore ist im Grunde ein Crossover von Social Shopping (im Sinne von z.B. ThisNext, Stylefeeder, Kaboodle im englischen und edelight im deutschen) und digitalem Scrapbooking; die digitale Version von inspiration books (Bildchen und Textschnipsel aus Magazinen ausschnippeln und in ein Blankobuch einkleben) oder scrapbooks: registrierte User importieren per Bookmarklet Lieblingsstücke, die sie im Web finden, wie z.B. Kleidung, Schmuck, Schuhe, Accessoires, und arrangieren sie zu einer Collage. Man könnte auch sagen, User führen virtuell ihren Style vor, so wie in der echten Welt etwa die Kollegin, die immer so nette Sachen anhat, die aber man sich nieee traut zu fragen wo sie shoppt. Auf Polyvore muss man nicht fragen, denn Links gibt es inklusive.

Was sich nun im Web dazu tut, ist sehr interessant. Zum einen verstehen die wenigsten, was Polyvore eigentlich ist bzw. welchen Nutzen es hat, und zum anderen sind viele sehr schnell dabei, aufgebrachtes Geschrei zu verbreiten und das Portal und seine User als Diebe abzustempeln. Es kursieren bereits erste Petitionen, die die Macher von Polyvore (im Übrigen: das ist Pasha Sadri von Yahoo Pipes) dazu bringen wollen, Copyrights besser zu schützen und den "Missbrauch" abzustellen. Auch auf flickr erbosten sich bereits einige User Künstler. Und ja... natürlich darf Etsy hier nicht fehlen.

Mild gesagt, es ging rund gestern Nacht, einige undiplomatische Beschwerer Künstler kotzen mären sich nun auf Polyvores Blog aus, und Etsys hauseigene Anwältin macht sich nun schlau in dieser Angelegenheit. Ein dicker Pluspunkt für Polyvore: sie haben noch gestern einen Etsyaccount eröffnet und haben sich aktiv in einem zweiten Thread beteiligt. Deeskalationstaktik vom Feinsten.

Es gibt einige Punkte, die ich nicht ganz verstehe.

Jede Collage verlinkt in der Regel auf die Quelle eines Artikels, wie in dieser, z.B. Jede, die nun also zum Einkaufen angereizt ist, weiss sofort, wo sie das begehrte Objekt finden kann. Sie muss nicht zur Konkurrenz, sie muss niemanden suchen, der ihr diesen Artikel gar noch für billiger herstellt. Der Verkäufer, dessen Artikelbild nun hier genommen wurde, bekommt so gratis Werbung und muss niemanden dafür bezahlen, dass über seinen Shop und seine Arbeit geschwärmt wird. Dass gerade zu Etsy verlinkte Artikel schnell ausverkauft sind, ist meiner Meinung nach nicht Polyvores Problem, und immerhin besteht auf Etsy die Möglichkeit, den Hersteller direkt zu kontaktieren, um etwa um eine Sonderanfertigung zu bitten. Ist das kein Vorteil?

Ein wiederkehrendes Argument auf Etsy ist, dass niemand um Erlaubnis zur Benutzung der Bildmaterialien frage und so Copyrights der Bildinhaber verletzt würden. Was aber genauso seltsam ist - ich weiss, dass viele der "design" und "style" Blogs da draussen, und noch viel mehr der Etsyblogger, weder nach Erlaubnis fragen, wenn sie ihre "fellow Etsyans" auf ihren Blogs "featuren", noch Bescheid geben, wenn die Posts live auf dem Web sind. Es gilt als Ehre, ein Feature auf Blogs wie Bloesm, design milk, modish und auch decor8 zu bekommen. Und das wird hingenommen. Wo, frage ich, ist da der Unterschied? Weil man sich "kennt"? Weil man sich für die selbe "Sache" engagiert (d.h. für Etsy und handmade und anti-mass-produce etc.etc.)? Interessant wären hier Zahlen, welche Art Empfehlung zu mehr Verkäufen führt. Leider stellt Etsy für seine Verkäufer aber keiner Statistiken zur Verfügung.

Und was ergibt sich daraus für andere SocialShopping-Plattformen wie ThisNext & Co.? Erinnern wir uns, dass diese Seiten in der grossen Mehrheit von privaten Personen genutzt werden; private Personen empfehlen Produkte für private Personen. Nehmen wir an, jeder User fragte nach, bevor Produkte per Artikelbilder weiterempfohlen werden - wie viele Emails will ein Kleinunternehmer auf Etsy am Tag beantworten wollen, um Nutzungserlaubnis zu erteilen? Wie sehr würde das Geschäft und die Produktion leiden? Wie unfreundlich stünde sie/er bei Nichtbeantwortung der Anfragen da, ganz zu schweigen von etwaiger nachhaltiger negativer Presse (Blogs sind ein schnelles Medium...)? Und -- wie bereit wären Nutzer bei all dem Aufwand noch, Produkte weiter zu empfehlen und gerade Kleinunternehmern und Privatveräufern die oft so ersehnten Verkäufe und gratis-PR zu bescheren?

Mir wäre es auch lieber, Blogger würden mich fragen, bevor sie meine Artikelbilder auf ihren Rechnern speichern; dass sie eine Zeile zum Copyright der Bilder an ihre Posts anfügten; dass sie mir wenigstens eine kurze Etsyconvo schickten, wenn sie über mich schreiben. Aber rund 97% tun es eben nicht und werden noch aggressiv, wenn sie hören, sie hätten vorher fragen müssen. Wie soll man also die Webnutzer erziehen?

Die Threads auf Etsys Foren über ausbleibende Verkäufe, darueber, wie sauschlecht und frustrierend das Geschäft doch gehe, und wie sehr man das Geld doch brauche, um die Uni zu zahlen oder Spielzeug für die Kinder zu kaufen, sind zahlreich, und in der Regel stellt sich heraus, dass private Verkäufer zwar mitmischen wollen auf dem Markt da draussen, aber keinerlei Erfahrung noch Ahnung haben vom Vermarkten und Verkaufen und darüber, welche Möglichkeiten das web2.0 gerade für Kleinunternehmer bietet, die eigentlich gar kein Marketingbudget zur Verfügung haben.

Das Problem liegt vielleicht darin, dass viele Kleinunternehmer auf Marktplätzen wie Etsy sich als Künstler sehen. Sie schaffen Kunst, die sie verkaufen wollen (Stichwort "Kunsthandwerk"), für Geld, das sie dringend brauchen, zu einem Marketingnulltarif, wie sie hoffen. Vielleicht wäre es angebracht, hier ein wenig kompromissbereit zu sein, und kostenlose Werbung gerade auf dem Social Shopping-Sektor dankbar anzunehmen, denn wenn ein Artikel empfohlen wird, dann doch durchweg mit positiver Botschaft.

Sehr trocken könnte man sagen, der durchschnittliche Kleinunternehmer im Web ist ungefähr auf der Höhe von "ich habe jetzt auch so'n Blog", "ich habe mir gerade meine eigene Webseite mit PageBuilder gebaut", "wie geht flickr?".

It's a long way to Tipperary web2.0...

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