
"In der Not wird die Vergangenheit wiederentdeckt. Von den Schafen und Lämmern werde wieder fast alles gegessen, erzählt Mathildur Kristiánsdóttir, und Pullover stricke man nun wieder selbst - so intensiv, dass in ganz Reykjavík vor ein paar Wochen die Stricknadeln ausverkauft waren."
Die klamme Ebbe in der Kasse der Isländer bringt also viele wieder zur Handarbeit (Pullis stricken, in diesem Fall), obgleich hier natürlich nicht ausgelotet worden ist, ob sich nun gerade Strickfaule und sowieso Handarbeitsunbegabte rein zwangshalber ins neue Glück des selfmade-Trends haben schubsen lassen, oder ob Handarbeiten doch wohl eher diejenigen zu verstärkter Produktion (lies: Nutzung vorhandener Skills) anregt, die sich sowieso schon immer für diese Dinge begeistern konnten und aus ihrer Not eben nur vermehrt eine Tugend machen.
Und ob dieser Nachricht fiel mir ein Artikel in der Welt vom vergangenen Oktober wieder ein, in dem der handmade-Trend anlässlich des Erscheinens von "Marke Eigenbau" durchgekaut wurde. Denn auch hier die unglückliche Verquickung von Krise und Heimwerken: "Heimwerken: In schlechten Zeiten greift man zum Werkzeug." Allerdings auch nur im Titel (und in der doofen Lesermeinungsumfrage). Denn im Artikel selber findet mit der Buchbesprechung eine Auflistung dessen statt, was innerhalb der letzten zehn Jahre immer mehr an Popularität gewonnen hat: Mittel und Wege, seinem Wunsch nach absoluter Individualität Ausdruck zu verleihen; die ultimative Selbstverwirklichung, sei es durch selbstgemachte Produkte (gekauft oder selber gemacht), besondere Lebensmittel, oder wieder selber und ganz ausgiebig in der eigenen Küche stehen.
Der Autor dieses Artikels kommt bei aller Auflistung nicht umhin, "die Etsyverkäufer" darzustellen wie kleine aufmüpfige Punks:
"Organisiert sind die neuen Selbermacher etwa auf der amerikanischen Internetseite Etsy.com. Hübsch und bunthaarig präsentieren sich dort viele Anbieter der oft eigentlich etwas biederen Dinge. Sie wirken wie lässige Gäste einer Szenekneipe, weil sie sich auch als Teil einer Bewegung sehen. Und die meint sich durchaus politisch."Klingt nach Anarchie pur. Natürlich wissen wir nicht, wie der Journalist recherchiert hat - aber bunthaarig und irgendwie leicht punkig-rebellisch (für die Welt vielleicht "sehr, sehr fastschonautonom-links"?) sind auf Etsy die wenigsten. Im Gegenteil: die Masse der Shopbetreiber dort ist so normal wie die Kommilitonin aus der Geschichtsvorlesung, wie die strickende Mittvierzigerin aus dem Kegelclub, oder wie der schreinernde Bekannte, der tagsüber eigentlich Systemadministrator in einem grossen Unternehmen ist. Und gerade die wenigen enfants terribles auf Etsy sind mitnichten diejenigen, die biedere Produkte herstellen. Aber es scheint recht gut in die Vorstellung vom rabatzigen "Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion" (UT "Marke Eigenbau") zu passen. Oder aber in das konservativ-rechte Klischeedenken der Welt. Überhaupt fällt auf, dass der politischen Linken nur allzu gerne ein Seitenhieb verpasst wird. Lahm.
Aber um beim eigentlichen Punkt zu bleiben. Wo kommt im Artikel der Bezug zur Überschrift? Er kommt nicht. Mir fällt allerdings auf, dass neuerdings gerne versucht wird, handmade und economic crisis miteinander zu verkuppeln -- quasi handmade als Überlebenskünstlerhandwerkzeug für Otto-Normal-Verbraucher. Es passt ja auch zu gut. Aber ist dem wirklich so? Ja - wenn man in einen Topf wirft, was man zum besseren Verständnis dieses pop culture-Trends nicht in einen Topf schmeissen sollte.
Dass wirtschaftliche Krisen mit Selbermachen, sei es zum Eigengebrauch oder zum Verkauf um die Kasse aufzubessern, gemeistert werden können, ist weder neu, noch ist der gegenwärtige Trend ein Kind der aktuellen weltwirtschaftlichen Schieflage, auch wenn in diesem Licht der Zweck des Geldsparens in den Vordergrund gerückt wird. Denn der "Wunsch nach dem eigenen Long Tail" drückt eigentlich den Wunsch nach millimetergenauer Individualisierung aus -- zuerst kam der Wohlstand und der kommerzielle Overkill, dann der Individualisierungswunsch. Leider hat es dann (ausserplanmässig) geknallt. Wobei wir wieder bei Maslow angelangt wären.
































