Aber der Reihe nach.
Holm Friebe, einer der beiden Autoren von Marke Eigenbau (dem Buch) hat vor zwei Tagen auf Jungle World einen Beitrag veröffentlicht, in dem er die Zukunft von Marke Eigenbau (der Bewegung/Philosophie) vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaftskrise beleuchtet und noch einmal ein paar Dinge klarstellt: "Zurück zum menschlichen Maßstab!".
Ein unmissverständlich formulierter Artikel, in dem auch noch einmal klar wird, worauf Marke Eigenbau ja eigentlich hinaus will, fernab von all dem, was andere nun wieder meinen, dran herumdeuten zu müssen. Entfernt Ähnliches hatten wir ja kurz in den Kommentaren zum Post über den Etsy Day angerissen.
Ganz zentral macht Holm Friebe noch einmal klar:
"In welchem Ausmaß die Krise aber bei jedem einzelnen hinlangt, hängt stark von dessen Branche, Beruf und Background ab. Von daher scheint es kaltschnäuzig und verstiegen, die Marke Eigenbau als universelle Alternative anzukündigen, ganz zu schweigen vom Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion. Der Run auf die Abwrackprämie und die Krisenkonjunktur von Aldi, Lidl, Kik und Zeeman sprechen eine deutlich andere Sprache. Die Flucht in Schrebergarten und Heimwerker-Baumarkt verspricht keine Lösung, wenn das Haushaltseinkommen verschwindet, sondern allenfalls Linderung. Der Weg zurück in die karge Autarkie vorindustrieller Subsistenzwirtschaft ist verbaut. Und niemand – ein paar Landkommunen-Hippies ausgenommen – hat die Absicht, in Zukunft alles selbst zu machen. Wir wollen ja sogar die I-Phones und Swiffer-Staubmagneten aus der guten alten Massenproduktion."
Die Antwort auf diesen Beitrag gab dort am gleichen Tag Stefanie Sievers mit ihrem Beitrag "Mach es selbst oder stirb.", und damit liegt nun ein weiterer, im Ton leicht aggressiver und durchaus pessimistischer Kommentar zum Thema Marke Eigenbau von linker Seite vor. Es scheint ausserdem ganz so, als scheine streckenweise konservativer Kulturpessimismus hinter den oft eigenwilligen Argumenten hervor.
Stefanie Sievers fällt zunächst einmal auf die Mainstreamthese "Selbermachen ist in, weil wir eine Krise haben" rein. Die aber kommt nicht von Marke Eigenbau, sondern ist von irgendwelchen schlauen Wirtschaftsjournalisten behauptet worden. Die Kritiksalven ob der angeblichen Un-Individualität der Waren auf handmade-Marktplätzen wie Etsy und DaWanda triefen von Hass und Ablehnung über alles, was rosa und niedlich ist (Punk wäre demnach wahres DIY, und rosa Niedlichkeit nur eine Variante von Konsumoverkill). Wenn die Autorin behauptet, auf Markplätzen wie Etsy und DaWanda sei das meiste nur unnützer Kitsch, dann möchte man ihr schon Ignoranz bescheinigen. Einmal, weil Etsy und DaWanda nur zwei von weit über fünfzig Absatzmärkten für Selbstgemachtes, Indie Design und Unikate im Internet sind, die insgesamt unterschiedlicher nicht sein könnten, und ausserdem, weil Marke Eigenbau, um beim grossen Dachbegriff zu bleiben, nicht meint, dass nun auch RAM-Bausteine in Manufaktur hergestellt werden sollen.
Lovely Werkstatt-Tagebuch wird schon fast als naiver Träumer dargestellt, inklusive aus dem Kontext gerissenem O-Ton:
"Die Bastelrevolutionäre halten das Selbermachen jedoch für einen »listenreichen und lustvollen Kampf gegen globale Ausbeutungsverhältnisse«. Auf einem Bastelblog heißt es: »Was früher die Menschen vielleicht aus Geldnot oder Zweckgedanken an die Nähmaschine trieb, wird heute durch einen kreativen und künstlerischen Ansatz ersetzt. Diese Entwicklung finde ich sehr interessant, bin gespannt, was sich da noch tut!«" (sie zitiert aus diesem Post bei LovelyWerkstattTagebuch, dort dann auch der ganze Kontext)
Das erste Zitat kommt von Marke Eigenbau und lautet im kompletten Original übrigens (Hervorhebungen von mir):
"Die Revolution des Selbermachens ist auch ein listenreicher und lustvoller Kampf gegen Bürokratie, Großorganisationen und globale Ausbeutungsverhältnisse. Denn die neue, kleinteilige Ökonomie wird für das kommunale Gemeinwesen und die ärmsten Weltregionen ganz neue Perspektiven öffnen."
Das fiktive Beispiel der Dame, deren Dackeltasche sich so toll verkauft, dass die gesamte Produktion zwecks Nachfragebefriedigung zur Massenproduktion gesteigert wird (sie meint vielleicht sogar das Beispiel des Döners aus Filz?), ist vielleicht gar nicht so schlecht, wie die Autorin es darstellt: In einem Interview mit der tip hatte Thomas Ramge, der zweite Autor von Marke Eigenbau, unter anderem auch verdeutlicht, dass "Man (...) die Marke Eigenbau nicht auf ein Bastelphänomen reduzieren" kann. (Wenn die zwei einen Satz später antworten, das Phänomen self-made gäbe es seit dem Beginn von Etsy, also seit 2005, dann stimmt das leider nicht; das Phänomen hat bereits gut fünf Jahre vorher begonnen, nur dass der Absatz von Handgemachtem im Internet noch entweder über eBay, kleinere Portale -siehe auch Beispiel Deutschland- oder Distros gelaufen ist). Und weiter erklärt er,
"Du hast als Einzelperson die Möglichkeit, eine globale Wertschöpfungskette zu knüpfen. Das war vor zehn, fünfzehn Jahren noch nicht möglich."
- und das kann durchaus heissen, dass ein Individuum im billigeren Ausland eine Idee massenhaft produzieren lässt und die Distribution wiederum in den eigenen vier Wänden durch die eigenen zwei Hände und einen eigenen Internetshop abwickelt. Korrekt ausgeführt hiesse das nicht den vollständigen Verzicht auf Produktion im Ausland und den aggressiven Boykott von Ländern wie China und Indien, so wie es im Moment viele amerikanische Cottage Businesses in die Welt schreien, sondern in einer guten Kooperation mit Ländern wie China und Indien fertigen zu lassen. Das wiederum müsste darauf hinaus laufen, dass es jedem in der Produktionskette möglich sein muss, einen Sinn in seiner Arbeit zu sehen.
Etsy regt in regelmässigen Workshops und Diskussionen an, wie man sich mit seinem kleinen Label selbständig macht, und zwar so, dass man auch lokal eine nachhaltige Struktur aufbaut. DaWanda und viele andere handmade Marktplätze haben bereits begonnen, diesem Beispiel zu folgen, inklusiver zahlreicher Blogs und Communities, die sich stärker denn je dem Thema widmen und Beratung und Hilfe in Sachen Marketing für MicroLabels geben. Denn was ein Minilabel zweier Modedesignerinnen kann, durch das ein eigentlich schon geschlossener Nähbetrieb im Osten Deutschlands wieder in Lohn und Brot gebracht wurde, liesse sich sicherlich auch für diejenigen umsetzen, die aus ihrem ursprünglichen 1-Frau-Label wegen Auftragsverbesserung einen Mehr-Leute-Betrieb machen wollen. Es geht in der Tat um einen humaneren Maßstab des Produzierens ("der Mensch als kleinste ökonomische Einheit"); dem wiederum geht voraus, dass "Erfolg" nicht in alten Mustern begriffen wird, und das wiederum ist keine Sache, die sich von heute auf morgen einstellen wird, sondern warscheinlich eher als sich überlagernde Veränderungen passiert.
Der Protest (und Hass) der Punkbewegung richtete sich gegen eine ganze Gesellschaftsform mit all dem, was sie ausmachte. Daher passte rosa und niedlich auch schlecht in das Konzept des äusserlichen Ausdrucks der Verachtung und der Abkehr vom verhassten System - es sei denn, die ehemals niedlichen Spitzenperlons wurden mit Löchern versehen und die rosa Farbe kam in die Haare. Wenn sich aber spätestens seit der Jahrtausendwende Selbermacher, Craftistas und DIYler betätigen, um neue und menschlichere Formen der Produktion zu finden, dann hat das nichts mit Hass auf eine ganze Gesellschaft zu tun. Im Gegenteil - die Bemühungen sind konstruktiver Natur.
Hochkomplexe Themen wie dieses schon fast ressentimentgesteuert und über einen Kamm scherend zu debattieren hilft da leider nicht viel. Davon ausgehend, dass es sich bei diesen beiden Artikeln um eine Debatte handeln soll, bleibt festzustellen, dass Frau Sievers nicht überzeugen konnte.





