Screenshot: cosaverde.comEine interessante Variante der bereits bekannten
handmade Showcase-Modelle, die es im Netz gibt, kann man seit Februar '09 auf
Cosa Verde ("Die grüne Sache") begutachten: Unter dem Motto
"think big, shop small" fungiert Cosa Verde als ein Showcase für Indie Designer, die bereits e-Commerce betreiben und Verkäufe abwickeln können, und die vor allen Dingen "eco conscious" sowie "environmentally friendly" produzieren.
Die Seite wird von Liz Grotyohann (
Grafikdesignerin) und Jeff Fein-Worton (Webentwickler) gemacht, die nach
eigener Aussage etwas dafür tun wollten, dass Konsumenten es leichter haben, ökologisch sinnvolle handgemachte Produkte im Web zu finden. Auf Cosa Verde können Craftistas und Designer ihre mit den Prinzipien der Cosa Verde-Jury übereinstimmenden Produkte ausstellen und auf ihren Shop verlinken (z.B. bei
handmade-Marktplätzen oder die eigene e-Commerce-fähige Webseite). Um einen Schauraum auf Cosa Verde zu bekommen, muß man sich vorher dort
bewerben.
Es gibt zur Zeit
drei Schauraummodelle: kostenlos, Standard und Premium. Für keines der drei Modelle fallen logischerweise Einstellgebühren oder Verkaufsprovisionen an.
Der kostenlose (ad-supported) Schauraum erlaubt das gleichzeitige Ausstellen von bis zu drei Produkten mit einem Photo pro Produkt. Der Standard-Schauraum kostet US$20 pro Monat, erlaubt das Einstellen von bis zu neun Produkten mit ebenfalls einem Photo pro Produkt. Mit dem Premium-Schauraum kann man bei moderaten US$30 pro Monat bis zu 27 Produkte mit bis zu drei Photos pro Produkt einstellen, und sie können in bis zu drei Produktkategorien quergelistet werden.
Produkte können übrigens per RSS von z.B. Etsy oder Big Cartel nach Cosa Verde
importiert werden, so dass Aussteller den Aufwand beim Einräumen des Schauraums recht gering halten können.
Goodie während der Startphase: Aussteller, die sich zum ersten Mal auf der Seite bewerben, bekommen eine Gutschrift von US$30 und können so einen Monat lang umsonst einen Premiumschauraum führen.
Attraktiv sind die
Rabatte, die bei Verlängerung eines oder gleich mehrerer kostenpflichtiger Schauräume gewährt werden: hier bekommt der Verkäufer einen Rabatt von 20% auf die Gesamtmiete. Je länger außerdem im Voraus gemietet wird -
3, 6, oder 12 Monate- desto mehr Rabatt gibt es auf die Gesamtmiete.
Schlußendlich gibt es noch Gutschriften im 10%-Takt für jeden neuen vermittelten Aussteller, der regelmäßig Miete zahlt. Hier noch einmal die gesamte
Kostenübersicht.
"Eco-conscious" Einkaufen ist Cosa Verdes Verkaufsargument gegenüber den Konsumenten. Wie ist das an Verkäufer gerichtete Verkaufsargument? Da wird damit geworben, daß es dank der strengen Jury nie eng werden wird auf Cosa Verde, und daß kein Schauraum untergehen wird in einer Masse von Konkurrenten ("
you won't get lost in a sea of sellers here"). Das ist natürlich ein gewagtes Versprechen, aber gegenwärtig sieht es so aus, als könne es funktionieren.
Die beiden Macher von Cosa Verde haben in acht Monaten Entwicklungszeit eine schon recht perfekte Seite auf die Beine gestellt, und das macht ordentlich Eindruck. Das Design ist sehr schön gemacht, die Seiten logisch und intuitiv zu bedienen. Keine Seite wirkt vollgestopft oder überlastet an Informationen und Details, und das wirkt irgendwie beruhigend. Daß es Google-Werbeleisten gibt, fällt kaum auf, denn sie sind gestalterisch an das CD der Seite angepaßt. Und überhaupt scheint so ziemlich alles, auch wenn die Seite in Hinsicht auf Features vielleicht noch nicht ganz komplett ist, gestalterisch, marketingtechnisch und logistisch überaus perfekt durchdacht - Details freilich, die dem durchschnittlichen User vielleicht nicht sofort auffallen, die aber sicherlich das unbewußte Erlebnis der Seite positiv beeinflussen.
Und damit zum einzigen Punkt, der negativ auf fällt. Im Grunde ein schöner -
und vor allen Dingen sehr idealistischer- Gedanke,
good handmade durch vorteilhafte Platzierung noch ein wenig mehr ins Licht der Konsumenten zu rücken. Schön, wenn damit auch noch gute Taten wie
Bäume pflanzen finanziert werden können. Schön auch, wenn die Ausstellenden ihre Produkte gleich noch verantwortungsbewußt mit den entsprechenden
badges versehen dürfen, und potentiellen Käufern so signalisieren, wie
good ihr
handmade ist. Nein, soweit bin ich wirklich begeistert und fasziniert.
Nur: beim Betrachten einiger Produkte und dem Abgleich mit den von den Ausstellern selbstgewählten badges mußte ich zum traurigen Schluß kommen, daß es wohl auch nur beim Idealismus bleiben kann. Denn ich erkenne mittlerweile Schmuckzutaten, woher sie kommen, wo sie produziert werden und ob sie wirklich vintage sind oder nur mit Patina versehen wurden. Und daß zum Beispiel eine handgemachte Kette, die zu 99% aus in China massenproduzierten Komponenten besteht (
auch auf Etsy eingekaufte, in China massengefertigte Supplies bleiben in China massengefertigte Supplies!), als "conflict-free" und "repurposed"
gelabelt wird, ist nicht nur wahnsinnig naiv, sondern grenzt schon an Lüge, denn mit Nachhaltigkeit, Achtung der Menschenwürde oder auch einfach nur bewußtem Konsumieren hat dies nicht ganz so viel zu tun.
Handmade ist sie noch, die Kette, das stimmt. Aber der Hersteller trägt doch trotzdem die Verantwortung, zu wissen, woher die Zutaten der Produkte kommen?
Ein Portal wie Cosa Verde wird, hoffe ich, vor allen Dingen auch den Ausstellern vor Augen führen, dass
handmade nicht gleich
handmade ist. Dass mit dem Vorsatz,
handmade statt
Made in China zu konsumieren, noch lange nicht das Problem der Ausbeutung von Billiglohnarbeitern in z.B. China oder Indien gelöst ist (
die Schmuckkomponentenshops auf Etsy, die am Besten verkaufen, sitzen in der Region Chinas, in der Modeschmuck für z.B. H&M produziert wird; die US-amerikanischen Schmuckkomponentenshops, die gute Umsätze machen, beziehen ihre Ware letztendlich auch aus China), und daß
handmade nicht per se gleichzusetzen ist mit öko, grün oder Nachhaltigkeit. Die wenigsten Shops auf Etsy oder anderen
handmade-Marktplätzen würden einen wirklich strengen Test nicht bestehen.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: dieses Problem wird noch auf lange Zeit nicht zu lösen sein, denn so funktioniert die Wirtschaft zur Zeit. Um das Einkaufen von vielleicht sogar unter beschämenden Zuständen massenproduzierten Zutaten für unsere handgefertigten Produkte werden wir so schnell und
leider, leider nicht herumkommen, ohne daß wir unsere Produkte als solche komplett überdenken müßten. Mit dem Aufkleben eines Labels, das letztendlich aber auch nur falsche Versprechungen liefert, kommen wir einem idealistischen Ziel von
good handmade jedoch auch nicht näher.
Ich wünsche mir dennoch, daß weitere kreative Ansätze im Sinne Cosa Verdes bald folgen, und vielleicht ja auch für den deutschsprachigen Raum.
Nachtrag (13.5.): Zanisa scheint die kommerziellere Version von Cosa Verde zu sein; die badges-Idee ist
offensichtlich. Allerdings ist Zanisa reines Retail, also Mittelsmannbusiness.
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