"Etsy Bitch" ist ein Blog, das ich nicht lese, weil es meiner Meinung nach nicht lohnt (
es sei denn, man hat eine kranke, aufmerksamkeitsdefizitäre Ader und zu viel Zeit im Büro, Atelier oder daheim, und zieht es vor, sich an unkonstruktivem Dauergemobbe zu weiden... oder schlimmer). Aber per 3rd-Party-Gezwitschere bin ich nun doch dort gelandet und las, dass dank dieses Blogs
ein Artikel für das
Fortune Small Business Magazine zustande kam, der sich
an den Zipfel derer hängt, die nun nicht mehr positive Presse über Etsy schreiben, sondern lieber mal "was Kritisches". Aber Kritik und Kritik ist so eine Sache - und im Fall des vorliegenden Artikels stellt sich mir erstmal die Frage, was eigentlich erreicht werden soll?
Jessica Bruder hat diesen Artikel verfasst, in dem unter anderem auch nicht gerade schlecht subtile Werbung für Etsys momentane Konkurrenz Artfire betrieben wird (
wir erinnern uns, dass es bereits über 60 handmade Marktplätze im Web gibt) - mindestens eine Bloggerin auf EB engagiert sich überaus aktiv im Dunstkreis des Marktplatzes; wenn man genau hinschaut, ist sie allerdings ein Beispiel dafür, wie man seine
handmade Karriere, sei es auf Etsy oder andernorts, gerade
nicht angeht - und dafür kann man auch keinen Betreiber eines Marktplatzes verantwortlich machen, sondern muss sich erstmal selbst an den Ohren ziehen. Dass das der Journalistin bei aller Recherche nicht aufgefallen ist, mag ein weiteres Indiz dafür sein, dass unklar bleibt, was nun der eigentliche Punkt des Artikels ist.
Wenn ich richtig verstehe, so will dieser Artikel zeigen, wie "mainstream" Etsy angeblich geworden sei; wie käuflich und damit korrumpiert bis hin zur Zensur auf dem hauseigenen Forum, angesichts der vergangenen Finanzierungsrunden und Persönlichkeiten, die sich nun unter den Investoren und Beratern tummeln. Dem wird einzig und allein Artfire gegenüber gestellt, dessen Gründer heraushebt, wie "handgemacht" doch der eigene Marktplatz ist, nicht ohne einen gewissen unausgesprochenen Stolz, dies alles auch noch ohne Finanzspritze leisten zu können. Was alles, eigentlich? Artfire hat im Moment noch ein leichtes Spiel, denn es hatte nichts weiter zu tun, als Etsys Marktplatzmodell zu kopieren und die Features einzubauen, auf die Verkäufer bei Etsy zugegebenermassen vergeblich warten - der Anteil der Eigenarbeit in Bezug auf Produkt- und Ideenentwicklung? Verschwindend gering und damit nichts, worauf man über die Masse stolz sein kann.
Seit der letzten grossen Finanzierungsrunde bei Etsy gab es neben Geldsegen bekanntlich grossen Hausputz - genau das, was sich besonders die Etsyverkäufer gewünscht hatten, die sich auf 100% etsykritischen Blogs und Foren auslassen. Die Anstellung professioneller Leute wurde gefordert, ein Aufstocken des Operationsteams, der Kundenbetreuung, und nicht zuletzt auch waren die Rufe laut nach einem neuen Chef. Dies ist nun alles passiert - und das Gejammere geht unvermindert weiter. Dabei werden neue Features, viele davon auf Userwünschen basierend, so schnell wie nie zuvor herausgebracht, werden die User so stark wie nie zuvor in die hauseigene Presseaktivitäten mit einbezogen, und vieles mehr. Aber einigen ist dies offensichtlich nicht genug - vielleicht, weil sie nicht zu denen gehören, die mehr Etsyruhm abbekommen als andere? Vielleicht, weil es ihnen trotz aller Neuerungen immer noch nicht gelungen ist, die Etsymillion zu verdienen? Worum geht es hier also überhaupt? Wirklich um das kantsche Prinzip, oder unter dem Strich doch nur darum, auch mal im Etsy-Rampenlicht stehen zu können, ohne auch nur allzuviel selber tun zu müssen?
Denn das ist das falsche Prinzip, ein Business nachhaltig aufzubauen, und kann auf lange Sicht nirgendwo aufgehen. Neue Marktplätze wie Artfire, oder in Deutschland eifrige Konkurrenz zu DaWanda, werden es so lange gut haben, wie die Kritik frustrierter User sich nicht auch gegen sie richtet. Solange frustrierte User wunderbar dazu gereichen, um sie als Sprachrohr zu nutzen, das kostenlos Werbung macht und dabei noch ordentlich gegen die Konkurrenz ätzt, ist die Welt in Ordnung. Aber irgendwann wird sich der Frust legen, und User, die lieber ätzen als sich um ihr eigenes unabhängiges (!) Label zu kümmern, werden sehr bald ein neues Ziel für ihren Frust suchen. Denn nichts ist einfacher, als durch Aggression von den eigenen Problemem abzulenken.
Wären alle die, die sich konsequent und unablässig ätzend im Web produzieren, wirklich erfolgreich mit ihren Minilabels, hätten sie sehr wahrscheinlich nicht annähernd so viel Zeit, sich leidenschaftlich Dingen zu widmen, die sie eigentlich nicht weiter kratzen dürften: wenn Etsy so schlecht ist, dann schliesst man seinen Shop und zieht weiter, denn ich wüsste nicht, dass Etsy nun auch Aktien verkauft. Genau das ist aber, was viele nicht verstehen, was aber in dieser Nische Businesslektion Nr. 1 sein sollte:
Dein Indie Microlabel ist nur so unabhängig wie Du selbst es zulässt. Der einzige Fehler von Etsy war, mit dem Austausch der Entwicklerriege zu lange zu warten, die User zu früh und zu tief in die Entwicklung des Marktplatzes mit einzubeziehen, und viel zu lange keine Fachleute im Marketing und in der Presse sitzen zu haben. Denn bei aller Liebe für
handmade - Business ist immer noch Business, und für User wie für Seitenbetreiber gilt: Kunst kommt von Können. Auch im Social Web.