Das letzte
handmade.Interview, bevor
handmade2.0 ausgedehnt Sommerfrische tanken geht. Dafür habe ich mir eine ganz besondere Interviewpartnerin geschnappt und ein wenig ausgequetscht: Katja von
stoff'n. Denn nachdem stoff'n so gut angelaufen und unter Deutschlands Craftistas in aller Munde ist, wollt Ihr bestimmt noch ein wenig mehr über die Gründerin wissen,
nicht wahr.
h2.0: Die treibende Kraft hinter stoff'n -- wer bist Du, was ist Dein beruflicher Hintergrund, woher kommst Du?
Katja: Ich bin eine Berliner Pflanze. Da ich gerne etwas gestalte, habe ich Produktdesign studiert und 3 Jahre als freier Designer gearbeitet.
h2.0: Als Designerin kommst Du ja aus der kreativen Szene und hast ausserdem auch noch langjährige Berufserfahrung - wie bist Du auf das stoff'n-Konzept gekommen, und was kann man auf stoff'n eigentlich machen?
Katja: Nun gut, ich bin Designer, aber leider auch eine Nähniete. Da sehe ich mich eher als interessierter Zuschauer vor. Im Job als Designer habe ich durch die Auftraggeber gesehen, dass fast jeder gern gestaltet. Wie gut das Ergebnis wird, hängt oft nur von Erfahrung, Wissen über Produktionsverfahren und dem passenden Werkzeug ab. Ein eigenes Unternehmen zu gründen, ist ein lang gehegter Traum und ich suchte also etwas, was viele gerne gestalten würden, aber als Normalsterbliche nicht können, weil die technischen Möglichkeiten nur Profis zur Verfügung stehen.
Ganz Frau um die 30, mitten in der Nestbauphase, schienen mir Heimtextilien eine tolle Idee. Während ich probierte, recherchierte, scheiterte, neu probierte, wurde das Konzept immer simpler und letztlich blieb die stoff'n-Idee: individuelle Stöffchen mit eigenen Mustern und Motiven.
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| (Von wegen Nähniete -- Katjas früher Nähversuch!) |
h2.0: Und für alle, die es noch nicht wissen: wie bist Du auf "stoff'n", den Namen für Deinen Custom-Fabric-Marktplatz, gekommen?
Katja: Der merkwürdige Name ist dem
Maulwurf'n von René Marik zu verdanken. Dieser kleine sprachgestörte, ungeduldige und leicht exzentrische Erdling ist einfach genial. Was soll ich sagen? Es ist Liebe und ich konnte nicht anders. Jetzt heiߟt es eben
stoff'n.
h2.0: An wen richtet sich stoff'n?
Katja: In erster Linie richtet sich stoff'n an die passionierten Nähfeen, meist Frauen von Anfang 20 aufwärts, die in ihrer Freizeit gerne nähen. Handarbeit hat längst ihr angestaubtes Hausfrauenimage abgelegt.
Es geht nicht mehr um Socken stopfen und Hemden flicken, sondern um Individualität. Wer nähen kann, ist unabhängig von Massenware und unpraktischen Standards.
Viele sind Mütter, nähen für sich, ihre Kids und oft auch für andere, indem sie ihre Werke bei
DaWanda,
Etsy oder auf Märkten verkaufen.
h2.0: Du hast mit stoff'n einen ziemlich guten Start hingelegt - inklusive Bestellungen aus Europa, gleich in den ersten Tagen. Wie geht es dieses Jahr noch weiter, planst Du schon neue Features?
Katja: Ja, der Start war unglaublich und ich hab noch eine soooo groߟe Ideenkiste. Jeder Euro wird also sofort in den Ausbau investiert, z.B. wird es regelmäߟig Wettbewerbe geben, bei denen alle online abstimmen können. Der
Mustermacher soll um ein paar Features vielseitiger und noch praktischer werden. Eine englischsprachige Fassung ist in Arbeit, damit sich Finnen, Norweger, Schweden usw. nicht mit Deutsch quälen müssen. Ein Bonussystem ist auch in Arbeit und ich grübel ausserdem über eine schnieke Möglichkeit, seine Lieblingsmuster im eigenen Blog einzubetten oder vielleicht als Desktophintergrund herunterzuladen. Oh, eine App für's iPhone wäre noch so ein Traum… Eben viele Ideen, die jetzt alle Schrittchen für Schrittchen angegangen werden.
h2.0: Mass Customization und The New Handmade -- zwei Trends, die noch lange bleiben und das Konsumverhalten vielleicht auch positiv verändern können?
Katja: Da bin ich mir sicher. Hier könnte man einen designtheoretischen Aufsatz schreiben. Im Grunde schlieߟt sich der Kreis: Mit der Industrialisierung entstand ein Kluft zwischen Produzent und Konsument. Zwar konnten Dinge billiger hergestellt werden, aber beide Seiten verloren den Kontakt und die schöne Frage, "
Was will der Kunde eigentlich?" tauchte auf. Diese versuchen nun seit Jahrzehnten Designer und Marketingspezialisten zu beantworten - mit teils mäߟigem Erfolg. Massen- und Üœberproduktion nach dem Motto "
Irgendwas davon wird schon passen!" sind die Folge.
Jetzt kommen wir endlich wieder an den Punkt, wo Konsumenten sagen können, was sie wollen und brauchen. Ja besser noch, sie können es selbst gestalten. Sie sind also Prosumenten. Das ist besser als Baukastensysteme und individualisierbare Stangenware. Mass Customization ist unaufhaltbar und The New Handmade ist das Tüpfelchen auf dem i.
h2.0: Was inspiriert Dich, wenn Du nicht am Arbeitstisch sitzt?
Katja: Gespräche.
h2.0: Wenn Du in die Produktionsstätte oder Kreativschmiede einer Person oder eines Unternehmens schauen dürftest, wer würde das sein und warum?
Katja: Spoonflower. Ich würde gerne mit dem Gründer plaudern. Auf unterschiedlichem Weg an zwei Enden des Globus die gleiche Idee zu haben, ist erschreckend und schön zugleich.
Stefan Raab würde ich auch gern über die Schulter schauen, wenn er eine neue Idee hat und sie in die Tat umsetzt. Man kann ihn mögen oder auch nicht, aber die Willensstärke und Kreativität dieses Querkopfs finde ich bewunderswert.
h2.0: Zwei Bücher, die Du anderen Indiepreneuren empfehlen würdest?
Katja: Passe. Mir ist Netzwerken und mit anderen Gründern und Indiepreneuren zu schnattern lieber.
h2.0: Words of (Indie) Wisdom: was würdest Du Kreativen raten, die ihr eigenes kleines Indielabel gründen wollen?
Katja: Fehler machen, und zwar viele kleine und möglichst früh. Das klingt erstmal doof und frustrierend, aber wer neues schafft, kommt um Lernen durch Versuch und Irrtum nicht herum. Aus jedem Fehler kann und muss man lernen. Wenn sie klein sind, führen sie netterweise nicht zum Scheitern, aber zur Optimierung. Am Besten gleich noch aus den Fehlern anderer lernen, also netzwerken mit andern Gründern und Unternehmern. Vielleicht lassen sich Teile ihrer Erfolgsstrategien auch nachahmen.
Ich bin zur
Gründerinnenzentrale gegangen, um mich mit jeweils 4 anderen GründerInnen regelmäßig austauschen zu können. Das ist super. Es treibt einen an. Man lernt voneinander. Gibt es Grund zur Freude, kann man sie teilen. Bei Rückschlägen wird man aufgefangen und merkt, dass es normal ist und die anderen auch nur mit Wasser kochen.
Vielen Dank, Katja, für Deine Zeit und für dieses schöne Interview --
und für stoff'n sind unser aller Daumen gedrückt!
Produktphotos ©Katja Locke/stoff'n
Collage: handmade2.0